Das Judenviertel

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Der berühmte Ratmann und Bürgermeister Johann Alnpek schrieb über das mittelalterliche Lviv: „Hier gibt es Juden zuhauf, das ist fast ihr gelobtes Land.“ Im ältesten städtischen Aktenbuch befinden sich Einträge aus den Jahren 1383 und 1384, in denen es um die Existenz einer Gemeinde von Juden geht, die innerhalb der städtischen Befestigung wohnten. Manche Historiker gehen davon aus, dass ein bestimmter Teil der Juden schon zu Fürstenzeiten aus dem von den Mongolen zerstörten Kyiv nach Lviv zog, und manche vermuten, die Lviver Juden könnten eine Sprache gesprochen haben, die dem alten Kyiver Dialekt geähnelt haben könnte. Manche sprechen von den Juden des alten Lvivs, als seien sie aus dem Byzantinischen Reich hergezogen oder seien sogar Nachfahren der Chasaren. Eine zweite Welle von Juden zog im 14. Jahrhundert schon aus einer anderen Richtung nach Lviv, dank dem polnischen König Kasimir III. Kasimir stellte sich 1349 als einziger der europäischen Monarchen heraus, der den Befehl gab, in seinem Staat den Juden Zuflucht zu gewähren, die aus vielen europäischen Ländern vertrieben wurden. Der polnische Historiker Jan Dlugosz erklärt dies mit der Zuneigung des Königs zu seiner Geliebten, der schönen Jüdin Ester, die großen Einfluss auf ihn hatte und ihm außereheliche Kinder gebar: zwei Jungen und zwei Mädchen. Eine spätere globale Folge dieser Politik von Kasimir war, dass Ende des 19. – Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der ehemaligen Rzeczpospolita, das heißt im Wesentlichen des russischen Polens, des österreichisch-ungarischen Galiziens und des russischen Podolien siebzig Prozent der gesamten Juden weltweit lebten.
Ziemlich schnell wurde, unter dem Einfluss der Juden aus westlichen Ländern, eine frühe Variante der Sprache Jiddisch zur Alltagssprache der Juden Lvivs und diese „deutschsprachigen“ Juden wurden Aschkenasim genannt – nach der jüdischen Bezeichnung für Deutschland: Aschkenas. Vermutlich zog ein Teil des Juden aus Pidsamtsche an der Poltwa in die neue Innenstadt. Auf der anderen Seite hört man die Annahme, dass viele Juden der Lviver Innenstadt neue Zuzügler aus Deutschland, Tschechien und Südpolen seien. Wie Professor Mayer Balaban schrieb, erkläre die verschiedene Herkunft die großen Unterschiede, die sogar bis Anfang des 20. Jahrhunderts im Alltag und in der Mentalität der Juden aus der Vorstadt und aus der Stadt erhalten blieben. Die Juden der Fürstenstadt hatten, wie der bekannte Historiker Jakub Schal meint, viele gemeinsame Charakteristika mit der örtlichen Gemeinde Lvivs und das spiegele sich in ihrer Sprache, ihrer Kleidung und ihren Gewohnheiten wider. Eine Folge dessen stellten die lange Zeit erhaltenen mit den ukrainischen gemeinsamen Formen der Vornamen dar – mit Endung auf –ko und Vatersnamen auf –ovytsch. Lviv wurde zur einzigen Stadt in der Gegend, wo er es nicht nur eine jüdische Gemeinde gab, sondern zwei – die ältere in der Zhowkwa-Vorstadt, im ältesten Teil, und die anderen innerhalb der Stadtmauern. Die Unterschiede zwischen den Juden der Vorstadt und der Innenstadt war so groß, dass diese beiden Gruppen eines Volkes einander feindselig gegenüber standen, und selbst Ehen zwischen den Vertretern der Vorstadt- und der Stadtjuden in Lviv eine große Seltenheit darstellten. Diese Abweichungen ebneten sich unter der liberalen österreichischen Herrschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast vollständig ein.

Ab Ende des 18. Jahrhunderts und bis 1939 befand sich die Anzahl der Juden in Lviv bei ca. einem Drittel der Gesamtbevölkerung der Stadt. Während des Zweiten Weltkriegs töteten die Nazis fast 130 tausend Lviver Juden, es überlebten nur um die 800 Juden den Lviver Holocaust, den die Historiker „Schoah“ nennen. Nach dem Krieg zogen Juden aus der ehemaligen UdSSR nach Lviv und heutzutage gehören von den ca. zweitausend Lviver Juden nur vereinzelte zu den ehemaligen polnischen Juden.

Das alte Judenviertel in Lviv wird von den heutigen Straßen Serbska, Staroyevreyska und Brativ Rohatyntsiv eingegrenzt. Am Ende der Staroyevreyska-Straße (übersetzt: „Altjüdische Straße“) ist ein Fragment der Wand der wunderbaren Renaissance-Synagoge „Solota Rosa“ („Goldene Rose“) erhalten, die im Jahr 1942 von den Nazis zerstört wurde.
Mit dieser Synagoge ist eine Lviver Legende verbunden. Ende des 16. Jahrhunderts tauchten in Lviv Jesuiten auf und im Jahr 1603 bestimmte der König ein Stück Land zum Bau einer Jesuitenkirche, nicht weit von der Wolosker Kirche im jüdischen Gebiet, wo sich, wie es in dem Dokument hieß, befanden: „die Pferdemühle, das Haus von Nachmanowytsch und das Haus des öffentlichen Verderbens“.. Aber genau an diesem Ort hatte der jüdische Bürgermeister Isaak Nachmanowytsch den Grundstein für den Bau einer wunderbaren gotischen und Renaissance-Synagoge gelegt, die vermutlich der berühmteste Lviver Architekt, der Italiener Pavlo Rymlyanyn, entworfen hatte. Die Synagoge, wirklich der Stolz der Lviver Juden – war gerade fertig gestellt worden. Aber den Jesuiten gelang es, ein Dokument aufzufinden, das bezeugte, dass dieses Landstück einst dem katholischen Priester Senjawskyj gehört habe. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet, wie das Grundstück in jüdischen Besitz gelangt war. Die Juden wiederum setzten einen Gerichtsprozess in Gang und verloren ihn. Schreckliche Niedergeschlagenheit machte sich in den Herzen des Volks Israel breit. Doch in Lviv lebte eine sehr reiche und sehr fromme Witwe von unvergleichlicher Schönheit – die Schwägerin desselben Nachmanowytsch – Rosa. Sie sorgte immer großzügig für die Armen, Kranken und Krüppel. Als sie das Unglück sah, das auf ihr Volk gefallen war, gab Rosa, ohne einen Augenblick zu zögern, ihr gesamtes Geld, um das Heiligtum loszukaufen, doch der jesuitische Erzbischof begehrte nach Rosa selbst, denn sie war so schön, dass es dem Erzbischof, als er sie erblickte,  die Sprache verschlug. Als er die Sprache wiederfand, sprach er: „Bleibe bei mir und ich gebe deinen Brüdern das Heiligtum.“ „Gut,“ antwortete Rosa, „aber unterschreib jetzt das Papier.“ Das Dokument, dass die Jesuiten sich von diesem Landstück lossagen, wurde einige Minuten später dem Ältesten der jüdischen Gemeinschaft weitergegeben, während Rosa bei dem Erzbischof blieb. Rosa hielt die große Schande nicht aus und vergiftete sich am Morgen. Die dankbaren Juden vergaßen seine Retterin nicht und benannten die wunderbare Synagoge nach ihr „Solota Rosa“ („Goldene Rose“).

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In letzten Jahren sind einige Projekte zur Erneuerung der ältesten Lviver Synagoge aufgetaucht, doch derzeit befindet sich neben ihr die „Jiddische Kneipe“, ein originelles Wirtshaus, in dem man sogar über den Preis der Speisen und Getränke verhandeln kann.

Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es in Lviv ca. dreißig Synagogen, heute sind nur noch zwei übrig. An der Vuhilna-Straße im ehemaligen alten Lviver jüdischen Vorstadtviertel befindet sich die Synagoge „Jankel Janzer Schul“, die im Stil des Historismus gebaut und im Stil des Sezession umgebaut wurde, und an der Brativ-Mikhnovskykh-Straße 4 die „Tsori-Gilod“-Synagoge, die sich durch ihren Originalsezession-Dekor auszeichnet.

Schon Tradition ist in Lviv das Abhalten des Festivals «LvivKlezFest». Das ist ein internationales Festival jüdischer Musik, jüdischer Lieder und Tänze, das die Musikkultur der Juden wiederaufleben lässt, insbesondere derer, die in Galizien lebten. Das Festival dauert mehrere Tage an auf den Straßen der Stadt, die mit der jüdischen Geschichte verbunden sind, entlang derer die Einwohner Lvivs und die Gäste der Stadt die Möglichkeit haben, sich mit Klezmermusik, -tänzen und –liedern vertraut zu machen und sich mit den Teilnehmern des Festivals zu unterhalten, unter denen sich bekannte Ensembles, Familienkapellen und einzelne Darsteller befinden. Auf dem Gala-Konzert werden die Lieder nicht nur auf Jiddisch gesungen, sondern auch in den Sprachen der Länder, die die Festivalteilnehmer vertreten: ukrainisch, ungarisch, moldauisch, russisch, polnisch und deutsch.

Alle, die möchten, können ein stilisiertes „jüdisches Viertel“ besuchen, zur einheizenden jüdischen Geige tanzen, traditionelle Speisen probieren und mit eigenen Händen in speziellen Werkstätten ein Souvenir herstellen.